Das der Grenzübergang etwas mühsam werden konnte, darauf hatte ich mich gefasst gemacht, hatte ich doch bereits bei der Einreise Probleme mit meinem Visum. Tatsächlich war es dann noch etwas gravierender, als ich mir ausgemalt habe..
Es war also Anfang Februar, seit Wochen sah ich das erste Mal Regen, es war kalt und windete stark. Nachdem ich eine schlaflose Nacht im Zug von Delhi nach Amritsar verbracht hatte, der am Schluss wie eine Müllkippe aussah, ging’s weiter per Fahrrad Rickshaw zur Bushaltestelle, von dort mit dem Bus an die Endstation nahe der Grenze, und nochmals mit einer Rickshaw zur Grenze. Ausgerechnet heute war das Wetter alles andere als gut, frierend und mit nassen Klamotten kam ich bei der Grenze an.
Ich fand das Gebäude, wo ich zur Passkontrolle für die Ausreise aus Indien hin musste. An dieser Grenze, dem einzigen Landübergang zwischen Pakistan und Indien, sind grosse, hellhäutige, blonde Ausländer ein seltener Anblick, ich kam mir etwas gar ausgestellt vor. Ich gab dem Beamten meinem Pass und wartete auf den Ausreisestempel, in der Hoffnung er schaut das Visum nicht all zu genau an. Aber, wie erwartet, meinte der Beamte, das Visum ‚hat ein Problem‘, ich solle ihm folgen, er müsse den Vorgesetzten konsultieren. Na wenn das nur gut geht.. Also folge ich ihm, wir wechseln das Gebäude und er beginnt mit seinem Vorgesetzten zu diskutieren während ich stehend vor dem Schalter warte. Ein dritter kommt hinzu, schliesslich ein Vierter. Nach etwa 20 Minuten kam einer der Beamten an den Schalter mit meinem Pass und fragte mich, wann das Visum ablaufe. ‚Am 30. Februar läuft es ab‘, antworte ich ihm, ‚wie auf dem Visum angegeben‘. ‚Aber dieses Datum existiert gar nicht!‘ entgegnete er mir. Oh je oh je, gar nicht gut.. das ist mir nie aufgefallen! Mir frier das Blut in den Adern, das Herz blieb stehen. Schlagartig wurde mir bewusst, dass das ein weitaus grösseres Problem ist als ein wenig Tipex auf meinem Visum. Ich versicherte dem Beamten, zum x.ten Mal, dass ich nichts auf dem Visum geändert habe, dass das von der Indischen Botschaft in Peking geändert wurde. Dass die Beamten misstrauisch sind, ist wohl verständlich. Ich wurde angewiesen, mich hinzusetzen, es könne eine Weile dauern.
Nun gut, bleibt mir nichts anderes übrig. Ich setzte mich also hin und übte mich in Geduld. Ich malte mir innerlich bereits aus, wie ich in einem indischen Gefängnis lande, immerhin sah es für die Beamten so aus, als ob ich das Visum gefälscht habe. Eine Erfahrung, auf die ich getrost verzichten kann. Ich gebe mir alle Mühe, ruhig zu wirken, mache mich aber auf das schlimmste gefasst. Nur machen konnte ich nicht viel, das lag nun in den Händen der Beamten. Unterdessen waren 7 Beamte am diskutieren, ab und an wird telefoniert, mein Pass wird unablässig herumgereicht und durchgeblättert. Zunehmend wurde ich nervöser, zudem wartet auf der Pakistanischen Seite ein Freund, der mich abholt, den ich aber mangels Handy Empfang im Gebäude nicht kontaktieren konnte.
Ein geschätzte Ewigkeit später kommt ein Beamter in den Warteraum mit meinem Pass. Ich könne die Grenze passieren. Ein ganzes Gebirge fiel von meinem Herzen, ohne weitere Fragen zu stellen oder noch etwas zu sagen folgte ich ihm zurück in das erste Gebäude, wo er mir den Ausreisestempel in den Pass drückt. Geschafft!
Ich nehme meinen Pass entgegen, schaue das Visum an. Der Tipex, mit dem das Ausreisedatum auf den 30. April korrigiert worden war, hatten die Beamten weggekratzt. Darunter kam das ursprüngliche Datum zum Vorschein: 30. Mai. Puh.. da hatte ich sehr grösses Glück im Unglück! Wer würde schon das Ausreisedatum zu einem früheren Datum fälschen. So konnten die Beamten annehmen, dass das tatsächlich nicht von mir geändert wurde. Ich will nicht wissen, was passiert wäre, hätte da 30. Januar gestanden.
Ich ging weiter zum Zoll. Dort bekam ich ein kleines Formular, ob ich was zu deklarieren hab. Um weitere Probleme zu vermeiden, fülle ich das besser genau aus. Ich will gerade reinschreiben, dass ich noch etwa 500 indische Rupien habe, doch meinte der zuständige Beamte, ich solle einfach nur unterschreiben, nicht ausfüllen. Gesagt, getan! Jetzt nur noch raus aus Indien und ab nach Pakistan! Die Einreise verlief da problemlos, ich bekam den Stempel und lief auf der Strasse weiter Richtung Pakistan. Plötzlich wurde ich angehalten, ich solle meinen Pass zur Kontrolle zeigen. Der bewaffnete Beamte blättert durch meinen Pass und schreibt die Visumsnummer auf. Weiter geht’s, doch nur 20 Meter wurde ich wieder angehalten, musste meinen Pass erneut zeigen. Kurz durchgeblättert, Pass zurückerhalten,und ich lief weiter. Noch weitere 2 Mal musste ich meinen Pass zeigen. Ich war darüber doch etwas erstaunt, aber nun gut.
Und dann, endlich! Ich bin in Pakistan! Kaum hatte ich die Grenze passiert, wurde ich von einem Pakistani angehalten, ob ich Geld wechseln will. Vielleicht, entgegnete ich, aber erstmal will ich kurz durchatmen. Doch Geld wechseln wollte ich nicht, wusste ich ja nichtmal den Kurs. Dann kommt ein junger Pakistani auf mich zu und fragt mich, ob er kurz mit mir reden könne, und läuft mit mir 5 Meter weg. Ich wundere mich heute besser über nichts mehr.. Er sagte mir dann, ich solle bei dem anderen Typ auf keinen Fall Geld wechseln, die bieten einen sehr schlechten Kurs an und geben häufig Falschgeld (und das gleich bei der Grenze mit unzähligen Beamten, Militärs, Polizisten..). Ich bedankte mich für die freundliche Warnung und lief weiter zum Parkplatz, wo ein Freund auf mich wartete. Mit dem Auto brachte er mich schliesslich zu Umer, meinem pakistanischen Freund aus der Schweiz (der die ganze Reise organisiert hatte) und den Reisegefährten aus der Schweiz. Ich war seit langem nicht mehr so froh, von Vertrauten begrüsst zu werden! Nach all diesen Strapazen und Ungewissheiten konnte ich mich nun endlich beruhigen.
Das Abenteuer Pakistan kann nun beginnen..

Anmerkung: Wie ich mir ein paar Tage später habe sagen lassen, sind die vielen Passkontrollen beim Grenzübergang auf der Pakistanischen Seite notwendig, um die grassierende Korruption zu unterbinden.